bullshit

Locomore

Foto vom Zug

Vor ziemlich genau einem Monat fuhr ich zum letzten Mal letztes Jahr von Berlin über Heidelberg nach Mannheim. Ich fuhr die Strecke 2016 relativ häufig, meistens mit der Deutschen Bahn, manchmal fand ich eine Mit­fahr­ge­le­gen­heit, nur mit dem Fernbus fuhr ich nie.

Dieses Mal wollte ich mit Locomore fahren. Locomore ist ein neuer Fernzug, der seit dem 14.12. täglich zwischen Stuttgart und Berlin verkehrt, gerne mehr Menschen auf die Schiene und weg von Fernbus, Flugzeug, Auto und Co. bringen will.

Eine Be­son­der­heit war, dass es die Mög­lich­keit gab, sich vorab per Crowd­fun­ding zu beteiligen. Ach, dachte ich, lass uns das doch einfach mal aus­pro­bie­ren. Im worst case verlierst du halt ein paar Euro. Das passierte aber nicht. Und so kam ich für kleines Geld an zwei Fahr­schei­ne. Den einen nutzte ich für eine Fahrt im Busi­ness­be­reich von Locomore.

@zeitchlag-Selfie im Locomore

Locomore wirbt mit WLAN, fairem Catering, dass sie mit Ökostrom fahren und es trotz allem sehr bezahlbar ist, mit ihnen zu reisen. Der konkrete Preis für eine Reise wird jedoch von schwarzer Magie und der Nachfrage berechnet. Laut eigener Aussage kostet die Fahrt immer höchstens die Hälfte des Preises, der bei der Deutschen Bahn fällig werden würde:

Der Höchst­preis liegt jeweils immer unterhalb der Hälfte des Nor­mal­prei­ses der Deutschen Bahn – so als hätte man eine BahnCard 50. (Quelle: Locomore)

Kurz vor Weih­nach­ten stand ich dann also in Berlin am Haupt­bahn­hof und wartete. Ich war nicht der einzige, der Bahnsteig war sehr voll. Der Zug war mit 15 Minuten Verspätung an­ge­schrie­ben, außerdem gab es Verwirrung mit der Wa­gen­rei­hung. Gefühlt wurde das Locomore-Team von seinem eigenen Erfolg überrascht und hat versucht, irgendwie neue Ka­pa­zi­tä­ten aus­zu­gra­ben.

Meine erste Fahrt mit @locomore beginnt mit 15 Min. Verspätung und der Wagen, in dem mein Sitzplatz ist, fehlt. Dafür gibt es Wagen 7 doppelt

— Nathan (@zeit­schlag), 22. Dezember 2016

Und in einem dieser Wagen 7 ist mein Sitzplatz :D https://t.co/r0CGu3DGr6

— Nathan (@zeit­schlag), 22. Dezember 2016

Und jetzt gibt es doch einen Wagen 6. Und die Verwirrung stiftet eine Verwirrung! @locomore https://t.co/eA4aeldB97

— Nathan (@zeit­schlag), 22. Dezember 2016

Dafür fehlt jetzt Wagen 9 oO https://t.co/j0eGsUoBRv

— Nathan (@zeit­schlag), 22. Dezember 2016

Das führte natürlich zu einigem un­vor­her­ge­se­he­nen Chaos, aber im Endeffekt konnten alle mitfahren.

Wenn man bei Locomore ein Ticket bucht, ist die Sitz­platz­re­ser­vie­rung gleich inklusive, man zahlt nichts extra. Neben dem normalen Basic-Bereich gibt es The­men­ab­tei­le, einen Bereich für Familien und Menschen mit Be­hin­de­rung und Busi­ness­ab­tei­le. Die Busi­ness­ab­tei­le sind ganz normale Abteile mit dem Un­ter­schied, dass es sich nicht sechs, sondern drei Menschen teilen. Außerdem ist in dem Busi­ness­ta­rif ein Getränk und ein kleiner Snack in­be­grif­fen. Und Getränke und Snacks gibt es viele, über­wie­gend bio und fair.

Foto vom Snack

Meine erste Fahrt im neuen Fernzug. Es war sehr voll, der ganze Zug war ausgebucht, was aufgrund der in­be­grif­fe­nen Sitz­platz­re­ser­vie­rung nicht wirklich ein Problem darstellen sollte. Dass ein Wagen fehlte, machte die Sitz­platz­re­ser­vie­rungen aber irgendwie zunichte.

Die Waggons finde ich sehr schick, die Sitze sind bequem, warm war es auch, ich fühlte mich wohl. Außerdem haben die Abteile mich an meine frühe Kindheit erinnert.

Fotos vom Abteil

Das ver­spro­che­ne WLAN hingegen war nicht verfügbar. Den Grund erfuhren wir bei der Fahr­kar­ten­kon­trol­le: Die zusätzlich an­ge­mie­te­ten Waggons, die über kein WLAN verfügten, un­ter­bra­chen die Versorgung und somit war es nicht möglich, alle Ac­ces­s­points im Zug zu verbinden.

Die Fahr­kar­ten­kon­trol­le selbst war übrigens herrlich un­kom­pli­ziert. Ich habe kurz vorher im Gang te­le­fo­niert und hatte mein aus­ge­druck­tes Ticket ent­spre­chend nicht griff­be­reit. Es reichte aber vollkommen aus, dass ich meinen Namen und meinen Sitzplatz wusste. Auch sonst war das Team sehr freundlich. Man hat gemerkt, dass sie noch dabei waren, sich ein­zu­spie­len, aber dafür waren die Menschen umso freund­li­cher und bemühter.

Ein schönes Detail fand ich auch, dass man am Ende des Zuges auf die Schienen schauen konnte.

Foto durch die Tür des letzten Waggons, man sieht die Schienen

Fehlendes WLAN ist die eine Sache. Spürbar är­ger­li­cher war hingegen, dass die Toiletten defekt waren. Gefühlt gab es im ganzen Zug zwei funk­tio­nie­ren­de Toiletten.

Ich kann mir vorstellen, dass viele lediglich aufgrund der geringen Preis mit Locomore fahren. Der Eindruck verstärkt sich dadurch, dass auch Locomore gefühlt stark über den Preis ar­gu­men­tiert und bei­spiels­wei­se Gutscheine für noch günstigere Zugfahrten während der Grünen Woche in Berlin ausgibt. Insgesamt ist es aber einfach ein tolles Angebot. Es ist ein Zug, aber für den Preis einer Mit­fahr­ge­le­gen­heit. Bequeme Sitze, Bio-Catering, freund­li­ches Zug­per­so­nal. Das hat mich überzeugt.

Nicht nur der Zug hat mich überzeugt. Auch wie trans­pa­rent und ehrlich Locomore kom­mu­ni­ziert und prag­ma­tisch auf Fehler reagiert, finde ich toll. Bei­spiels­wei­se fielen am 17.1. die Züge zwischen Ostbahnhof und Lich­ten­berg aufgrund von Bau­ar­bei­ten aus. Damit die Menschen, die bei Locomore gebucht hatten, trotzdem zwischen diesen beiden Bahnhöfen fahren konnten, teilte man S-Bahn-Fahrt­kar­ten aus.

Als wenig später der Ser­vice­wa­gen ausfiel, was zur Folge hat, dass kein WLAN verfügbar war, das Catering ein­ge­schränkt wurde und die Plätze für Menschen im Rollstuhl wegfielen - insgesamt also alles ziemlich doof -, zeigte sich Locomore sehr un­zu­frie­den und selbst­kri­tisch:

Wir sind mit der aktuellen Be­triebs­si­tua­ti­on nicht zufrieden und bedauern die sich ergebenden Ein­schrän­kun­gen. Locomore hat kurz­fris­tig einen Pla­nungs­stab ein­ge­rich­tet und prüft Maßnahmen zur Sta­bi­li­sie­rung der Wa­gen­ver­füg­bar­keit. (Quelle: Locomore)

Geplant war eigentlich, dass der Zug täglich fährt. Morgens von Stuttgart nach Berlin, am Nachmittag von Berlin nach Stuttgart. Wegen der Kin­der­krank­hei­ten und weil sie ihrem eigenen Anspruch, der zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen sehr hoch liegt, nicht gerecht werden, hat Locomore reagiert und fährt jetzt bis Anfang April nur noch an 5 Tagen pro Woche. Das ist sehr ärgerlich für alle, die an einem der weg­fal­len­den Tage fahren wollten, sie werden ent­spre­chend ent­schä­digt. Trotzdem kann ich verstehen, dass viele ziemlich angepisst sind, was man auch in den Kom­men­ta­ren auf der Face­book­sei­te von Locomore lesen kann. (ansonsten bei ZEIT, RNZ, Spiegel Online. Es gibt aber auch viele, die das Vorgehen von Locomore ver­tei­di­gen und für Ver­ständ­nis werben.)

Der Grund dafür, dass Locomore nur noch über das Wochenende fährt, scheint darin zu liegen, dass Waggons noch nicht geliefert wurden, somit keine Re­ser­vewag­gons be­reit­stan­den, die Wartung in Stuttgart nicht funk­tio­niert hat, Locomore den Start aber trotzdem riskiert hat. Das kann man mutig finden, es ist aber auf jeden Fall gepokert und das Blatt ging wohl nicht so richtig auf. Ich finde es toll, dass sie es auf jeden Fall probiert haben.

Eine App wie bei der Deutschen Bahn gibt es noch nicht, dafür aber einen (in­of­fi­zi­el­len) ma­schi­nen­les­ba­ren Fahrplan. Vielleicht sollte ich das mal in eine kleine iOS-App gießen? Tickets gibt es im Internet oder (zum Höchst­preis) im Zug.

Ich finde es insgesamt beachtlich, was das Team von Locomore da auf die Beine gestellt hat. Ich finde es sehr bo­den­stän­dig, ehrlich und sym­pa­thisch. Locomore versteckt sich nicht vor seinen Fehlern und Kin­der­krank­hei­ten, sondern geht sie an, auch wenn es schmerz­haft ist. Vielleicht verzeihe ich ihnen die Fehler auch deswegen?

Ich hoffe und wünsche mir, dass der Zug zwischen Berlin und Stuttgart noch lange Zeit fährt und das Angebot wächst. Wenn ich wieder nach Heidelberg fahre, dann werde ich wieder mit Locomore fahren. Also spätestens im Juni zum #litcamp17. Wenn ich irgendwie noch an ein Ticket komme.

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