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Das Faltrad, das Tilt 500 und ich

Ich fahre gerne Fahrrad. Das ist so viel ent­spann­ter als ÖPNV und Auto fahren. Vor ein paar Monaten lachte ich mir Call-a-Bike und Nextbike und Wie­si­e­n­ich­tal­le­hei­ßen­bike an, weil ich morgens und abends genug davon hatte, auf die Stra­ßen­bahn angewiesen zu sein. Die hatte eh immer Verspätung und wenn aus­nahms­wei­se mal nicht, hatte ich so wenig Um­stei­ge­zeit, dass ich rennen musste. Und außerdem fahre ich halt einfach gerne Fahrrad.

Der Nachteil vom Bike Sharing war nur, dass es morgens auch ein Bike zum Sharen geben muss. Zwar gibt es in kurzer Entfernung eine Station, an der ich Fahrräder ausleihen und zu­rück­ge­ben kann, nur stehen die Fahrräder in der Praxis meistens woanders, weil diese Station auf einem Hügel liegt.

Bike Sharing linderte also manchmal mein Problem, aber es löste es nicht. Ich musste trotzdem oft genug die Stra­ßen­bahn nehmen. Vor rund einem Monat habe ich mir deshalb ein günstiges Faltrad gekauft. Ich habe schon länger mit dem Gedanken ge­lieb­äu­gelt, aber die waren immer so teuer. Schluss­end­lich ging ich dann, weil ich die Faxen dicke hatte, zur nächsten Decathlon-Filliale und nahm so ein Ding mitsamt farblich passendem Helm mit.

Im Folgenden möchte ich auf zwei Punkte eingehen:

  1. Ich möchte kurz meine Er­fah­run­gen mit dem Prinzip Faltrad auf­schrei­ben.
  2. Danach werde ich ein paar Worte zum Btwin Tilt 500 von Decathlon verlieren und begründen, warum ich es mich nicht überzeugt hat. Achtung, Spoiler: Es hat mich nicht überzeugt.

Das Prinzip Faltrad

tl;dr: Überzeugt. Restlos überzeugt.

Laut Wikipedia ist ein Faltrad:

[…] ein Fahrrad, das über kon­struk­ti­ve Vor­rich­tun­gen wie Scharniere, Kupplungen und/oder Schnell­span­ner verfügt, die es erlauben, das Rad schnell und einfach auf ein so geringes Packmaß zu­sam­men­zu­fal­ten oder zu zerlegen, dass es als Ge­päck­stück in einem anderen Ver­kehrs­mit­tel mit­ge­nom­men werden kann

Das Tilt war mein erstes Faltrad. Die Vor­stel­lung, un­ab­hän­gi­ger zu sein und vor allem immer ein Fahrrad dabei zu haben, das klang einfach zu verlockend. Habe ich erwähnt, dass ich auch einfach gerne mit dem Rad fahre?

Das Prinzip Faltrad hat mich von Anfang an überzeugt. Es ist das bisschen mehr Mobilität, das fehlt, wenn ich mit der Bahn nicht mehr wei­ter­kom­me — auch in der Vor­pom­mer­schen Pampa. Es ist das morgens 10 Minuten länger schlafen, weil ich nicht auf den ÖPNV angewiesen bin, um zum Bahnhof zu kommen. Es ist ein Immer-dabei-Rad, mit dem ich schon sehr schnell viel schneller als zu Fuß bin.

Seitdem ich seit rund einem Monat ein Faltrad habe, pendle ich täglich drei Kilometer hin, drei Kilometer zurück und fahre ge­le­gent­lich mal 20 Kilometer an einem Abend. Durch das Rad konnte an einem Montag Morgen um fünf mal fix spontan einfach zu einem anderen Berliner Bahnhof zu fahren, weil die Bahn ebenso spontan be­schlos­sen hatte, den Zug von besagtem anderen Berliner Bahnhof fahren zu lassen. Ausserdem bin ich damit auch mal an einem Wochenende eineinhalb Stunden durch das Vor­pom­mer­sche Hinterland gefahren, weil ich nicht um Hilfe bitten und mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt werden wollte.

Summa summarum kamen dabei bestimmt irgendwas zwischen 200 und 300 Kilometern zusammen. So ganz genau kann ich das gar nicht sagen, weil ich nicht immer meine Smartphone-Tracker-App mitlaufen ließ. Ich war in Mannheim, Heidelberg, Frankfurt, Berlin, Darmstadt, Meck­len­burg-Vorpommern und in jeder Menge Züge mit dem Rad.

Ein Fahrrad quasi immer in sprich­wört­li­cher Griffweite, das ist einfach toll.

Das Tilt 500

tl;dr: kthxbye.

Ich habe mir die ganze Zeit eingeredet, dass meine An­for­de­run­gen an ein Fahrrad gar nicht so hoch sind. Was soll es machen? Es soll mir helfen, mich sicher und schneller als zu Fuß von A nach B zu bringen.

Das Tilt 500 tut das. Aber es tut das nicht gut. Es ging dabei auch schon gut los:

Am Abend des Tages, an dem ich es gekauft habe, löste sich gleich mal eine der Bremsen, während ich fuhr. Gut, dachte ich, biste selber schuld, wenn du auf sowas auch nicht achtest, sondern darauf vertraust, dass die Menschen im Laden schon alles richtig gemacht haben. Ich kam also zum Stehen, stieg ab, fing an zu schieben und entdeckte zwei Strassen weiter einen Brompton-Laden. Die liehen mir dan­kens­wer­ter­wei­se einen 5er-Inbus, mit dem ich die Bremse wieder festzog und weiter ging’s. Dass die Bremsen schon im Laden quietsch­ten und das seit einem Monat nicht si­gni­fi­kant besser geworden ist, darauf möchte ich gar nicht eingehen. Die Bremsen quietschen aber seit einem Monat und es ist einfach nicht besser geworden, obwohl sich das laut Aussage eines Mit­ar­bei­ters sehr schnell bessern würde. Ausserdem sind sie nicht wirklich gut ein­ge­stellt.

Hier schleift es an dem Rad und da wackelt es und dort quietscht es und so langsam glaube ich, dass ich tat­säch­lich zu hohe Er­war­tun­gen an das Tilt 500 hatte. Viele Teile machen den Eindruck, dass sie nicht sonderlich lange halten werden. Schon vor rund einem Monat machte mich jemand darauf aufmerksam. Insgesamt hat das Rad bei mir den Eindruck hin­ter­las­sen, dass ich mich nicht auf es verlassen kann und das finde ich schade.

Ist es zuviel verlangt, dass ein Rad zumindest grund­le­gend in Ordnung ist?

Von der peinlichen Geschichte mit der Bremse mal abgesehen, ging es eigentlich relativ viel­ver­spre­chend weiter: Am Wochenende bezwang ich dann die Pampa und das hat auch er­staun­lich gut geklappt. Zwar konnte ich mit dem Rad trotz sieben Gängen nicht sonderlich schnell fahren, aber ich konnte dieser er­zwun­ge­nen Ent­schleu­ni­gung doch etwas abgewinnen. So gurkte ich also durch Angela Merkels Wahlkreis, sah Störche und Windräder und fuhr so vor mich hin auf einem gut asphal­tier­ten Radweg.

Faltrad im Zug

Mit seinen rund 13 Kilo ist das Rad jetzt wahr­schein­lich weder besonders leicht noch schwer, aber es ließ sich zumindest über kurze Strecken doch angenehm tragen. Laut der Decathlon-Seite soll man es auch kom­for­ta­bel schieben können, aber das habe ich nie wirklich auf die Reihe bekommen.

Zu­sam­men­ge­fal­tet ist es zumindest so groß, dass ich es im Zug mitnehmen kann, aber immer noch relativ breit und sperrig. Was mir tat­säch­lich wirklich gut gefallen hat, war der Falt­me­cha­nis­mus. Das Tilt 500 fahrbereit be­zie­hungs­wei­se tragefähig zu machen ging dank der Spanner relativ schnell. Mit relativ schnell meine ich ungefähr 10 Sekunden.

Alles in allem reicht es aber nicht — das Rad hat mich einfach nicht überzeugt. Es sind zu viele negative Klei­nig­kei­ten und zu wenig Positives, um dem Rad doch nochmal eine Chance zu geben. Ausserdem laufen die 30 Tage ab, in den das Rad mich entweder begeistert oder ich es zu­rück­ge­ben kann. Zwar brachte es mich von Hin­ter­tup­f­in­gen nach Hin­ter­hin­ter­tup­f­in­gen, aber für den Alltag — und dafür war es eigentlich gedacht — hat es nicht gereicht.

Trotzdem hat es sich durchaus gelohnt, denn jetzt weiß ich, dass ich und der Fal­t­rad­life­style einfach wie für­ein­an­der gemacht sind. Danke dafür.

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