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Oder kann man es lassen?

Wäre es eine Frage, wäre die Antwort nein. Aber es ist keine Frage. Es ist in diesem Fall einfach nur Egoismus. Es geht um die Mund-Nase-Bedeckung, vulgo: Maske. Also eigentlich geht es genau nicht um die Maske.

Wir leben immer noch inmitten einer Pandemie. Und nur, weil wir sie in Deutsch­land für westliche Ver­hält­nis­se relativ gut in den Griff bekommen haben, heisst das nicht, dass es sie nicht mehr gibt, dass sie vorbei ist, dass wir nicht betroffen sind. Und: Es gibt (noch) keinen Impfstoff.

Bekannt ist: Ich bin in den Tagen vor den ersten Symptomen besonders infektiös. Bekannt ist auch: Eine Maske schützt. In erster Linie andere vor mir, aber auch mich vor anderen, wenn sie ihrerseits eine Maske tragen. Es gibt immer wieder be­ein­dru­cken­de Beispiele, wie gut das funk­tio­niert. In einem Fri­seur­sa­lon steckten zwei An­ge­stell­te 140 Menschen nicht an, weil diese beiden eine Maske trugen.

Damit es aber etwas bringt, muss die Maske richtig getragen werden, über Mund und Nase. Soweit, so auch bekannt. Viele Menschen tragen ihren Mund-Nasen-Schutz aber eher als Mundschutz. Oder als Kinnschutz. Als Wan­gen­schutz. Ganz ehrlich: Dann kann man es auch lassen.

Und? Warum lassen Sie Ihre Nase aus dem Mund-Nase-Schutz baumeln?

Es geht nicht darum, Menschen bloß­zu­stel­len, die aus was für Gründen auch immer keine Maske tragen können. Es geht um die Menschen, die keine Maske tragen wollen. Die, die im ÖPNV ihre Nase raushängen lassen. Die ihre Maske in In­nen­räu­men von einem Ohr baumeln lassen. Die das Kinn bedecken. Es geht um die, denen alle anderen schlicht und ergreifend egal sind.

Na? Fühlt sich Ihr Kinn gut vor Aerosolen geschützt?

Ihr nutzt die, die keine Maske tragen können, als faule Ausrede für eure eigene Faulheit, euren eigenen Egoismus. Das ist schlicht un­so­li­da­risch. Ihr werdet in der Zeit zwischen wenigen Minuten und ein paar Stunden doch mal euren gott­ver­damm­ten Anteil leisten können. Ansonsten macht ihr euch unter Umständen schuldig, steckt unbewusst Menschen an. Das ist einfach nur erbärmlich. Schämt euch.

Der Umgang der Maske erinnert mich bei vielen an den Umgang mit etwas Lästigem, das man machen muss, aber natürlich mit möglichst wenig Aufwand und in­di­vi­du­el­len Ein­schrän­kun­gen — Stichwort: Mi­ni­mal­prin­zip. Es geht nicht mehr darum, das Richtige zu tun, auch wenn alle wissen, dass es das Richtige ist. Es geht darum, diese lästige Pflicht irgendwie zu erfüllen. Ich finde es bei­spiels­wei­se auch total nervig, meine Ar­beits­zeit auf­zu­schrei­ben, dabei hilft mir das, nicht zu viel zu arbeiten. Nur: Es stirbt niemand, wenn ich es nicht tue.

Auf einem Barcamp erzählte mal jemand, dass Tru­cker*in­nen in der russischen Tundra einander be­din­gungs­los helfen, wenn sie einen lie­gen­ge­blie­be­nen LKW sehen. Weil es das Richtige ist. Aber vielmehr noch: Weil sie darauf vertrauen können, dass alle anderen das gleiche tun, wenn sie selbst mal liegen bleiben. Weil so wenig Menschen dort unterwegs sind, haben die, die es sind, einen un­ge­schrie­be­nen, sozialen Vertrag und eine Art Kodex. Wir schauen da lieber in den Rück­spie­gel, wenn wir an einer un­ver­sorg­ten Un­fall­stel­le vor­bei­kom­men, fahren weiter, rufen unter Umständen noch nicht mal Hilfe. Das ist un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung. Und erbärmlich.

Wir Menschen sind Rudeltiere, weil wir das Rudel zum Überleben brauchen. Nur: Tanzt eine*r aus der Reihe, tanzen andere mit. Nimmt eine*r Einzelne*r die Maske ab, nehmen andere — auch wider besseren Wissens — ebenfalls die Maske ab. Seid weder diese*r Eine*r, noch die Anderen.

Wir Menschen sind einzeln ziemlich schwach. Für Löwe, Tiger, Bär und Co. sind wir Frühstück, für SARS-CoV2 einfach Wirte und ge­wis­ser­ma­ßen auch der Weg zur Welt­herr­schaft. Das, was uns stark macht, ist Sprache, Zu­sam­men­ar­beit, Zu­sam­men­halt. So­li­da­ri­tät ist auch hier eine Waffe — und zwar eine, gegen die Löwe, Tiger, Bär, SARS-CoV2 machtlos sind.

Und genau deshalb ist es umso wichtiger, eine Maske richtig zu tragen. Weil es die schützt, die keine Maske tragen können. Weil wir auf­ein­an­der angewiesen sind. Weil wir darauf vertrauen können müssen, dass andere uns ebenfalls schützen. Weil es das Richtige ist.

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