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Marianengraben

Es gibt Filme und Erinnerungen, die ich mit mir herumtrage und die ich noch nicht oder nicht mehr ansehen kann. Irgendwo ganz tief hinten in meinem Herzen ist ein Zimmer, in dem ich solche Dinge einlagere. Eben weil sie mir so wichtig sind und trotzdem so scheisse weh tun. So ein bisschen wie ein Schuhkarton mit Erinnerungen an und Geschenken von Expartner*innen. Oder ein atomares Endlager.

Seit letztem Mittwoch gibt es in diesem Raum ein Bücherregal und vielleicht habe ich auch ein bisschen die Tür aufgelassen. Am letzten Mittwoch war ich auf einer Buchpremiere im Krematorium Wedding: Jasmin Schreiber stellte „Marianengraben“” vor, einen Roman, der Ende des Monats erscheint und den ich eigentlich vorbestellt hatte. Relativ schnell an diesem Abend war da dann aber der Entschluss, dass ich nicht bis Ende Februar warten möchte und so habe ich mir das Buch direkt im Anschluss an die Lesung gekauft. Vielleicht auch ein bisschen deshalb, weil Melanie Wem du willst F.J.Wagner Jasmin ihr Werk signierte.

Buchcover von Marianengraben

In „Marianengraben“ geht es um Paula, Helmut und den Tod. Paulas Bruder ist gestorben. Und als sie sich endlich dazu überwinden kann, nachts auf dem Friedhof einzubrechen, Gras auszureissen und ihn zu besuchen, trifft sie Helmut. Helmut ist alt und buddelt gerade Helga — oder besser gesagt: ihre Asche — aus, weil er ein Versprechen abgegeben hat und das halten will, halten muss. Wenig später fahren die Beiden dann zusammen in die und in den Alpen herum, dabei lernen sie sich kennen. Mit dabei sind noch Judy und später auch ein Huhn namens Lutz mit eigenem Fanclub #lutzultras.

Ich kenne Jasmin nicht persönlich, folge ihr seit gefühlten Ewigkeiten auf Twitter und das zählt ja irgendwie auch ein bisschen. Zumindest war es genug, um mir ein Premierenticket zu kaufen und dann eben das Buch ein zweites Mal, obwohl ich es schon vorbestellt hatte. Also saß ich da am Mittwoch und steckte meine Nase rein, anstatt mich zu betrinken und zu unterhalten — machte also quasi alles falsch, was ich auf einer Buchpremiere so hätte falsch machen.

Während der Lesung und als ich das Buch verschlang las, dachte ich mir bei allen Charakter*innen: Mensch, das hätte jetzt aber auch Jasmin sagen können. Jedes „Hehe“, jedes Stückchen morbider Humor hätte wohl einen wunderbaren Tweet abgegeben. Und davon gibt es in diesem Buch eine Menge. Mir gefiel ausserdem, dass die Kapitelmarken Meterangaben sind: Von 11.000 Metern, der π*Daumen-Tiefe des Marianengrabens, steigt Paula und irgendwie auch man selbst auf bis zur Meeresoberfläche. Und überhaupt: Dieses Bild, das mit dem Marianengraben gezeichnet wird. Und die anderen bisweilen so komischen Bilder. Mehr als einmal dachte ich auch bei Helmut: Shit, das hätte auch ich sagen können.

Ein bisschen erinnerte mich das Buch an „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, nur in klein, intimer, wärmer, schöner und etwas weniger absurd. Und eigentlich doch ganz anders.

Yasmina Banaszczuk, Sascha Lobo und Nico Semsrott kannten „Marianengraben“ schon vorher und haben recht mit den Statements, die sie abgegeben haben, alle miteinander. Es ist ein wunderschönes, sanftes Buch, phasenweise halt aber auch ziemlich hart und todtraurig — hehe. Im einen Moment sind noch alle munter und im nächsten steht da so ein dürrer Typ in einem schwarzen Umhang und rührt mit seiner Sense in einer Gefühlssuppe rum.

Ich habe noch nie bei einem Buch so heftig und viel geweint. Wegen etwas das ich zehn, fünfzehn Jahren relativ erfolgreich verdrängt habe, von einzelnen Berührungspunkten mal abgesehen. Und dafür möchte ich dir aus tiefstem und von ganzem Herzen danken.

Vielleicht muss ich auch mal auf einem Friedhof einbrechen. Ich weiß ja jetzt, wie das geht.

#ichwillihnberuehren

Ich wollte mehr zu Sachen sagen, die ich gut finde. Zu Menschen, die ich bewundere. Büchern, die ich genossen habe. Aufregen kann ich mich großartig und häufig, aber mich positiv zu äußern, das tue ich viel zu selten. Das würde ich gerne ändern, weil eigentlich finde ich viele Menschen und Dinge toll und großartig und unterstützenswert, auch wenn ich immer meckere. Den Anfang soll #ichwillihnberuehren machen, ein schönes Buch mit einer ganz wunderbaren Liebesgeschichte.

Das Cover des Buches

Und die began damit, dass OJ ("Original Jodler") sich in einen Freund ("ER") verliebt hat. Die Geschichte ging vor einiger Zeit schon mal durchs Internet und wurde dann als Buch veröffentlicht. Dann passierte lange nichts, dann drückt mir Stephan ein Exemplar in die Hand und dann habe ich es gelesen.

OJ schrieb damals vor mehr als zwei Jahren auf Jodel:

Ich (m) hab mich in einen Kumpel verliebt und jetzt liegt er in Boxershorts neben mir im Bett. #folter #ichwillihnberühren #kannmichnichtmehrzurückhalten — Quelle

Jodel ist ein anonymes soziales Netzwerk und das Internet nicht immer nur ein schlechter Ort: Es fiebert bei der sich entwicklenden Geschichte mit, gibt gute und gutgemeinte Ratschläge. OJ postet regelmässig Updates und erklärt das seinem Schwarm, der nichts davon weiß, dass er mit einer Freundin schreibt. ER und OJ verhalten sich beide total schüchtern, wissen nicht, dass der jeweils andere sich ebenfalls verguckt hat und trotzdem kommen sie einander näher. Im Schneckentempo.

Das Buch haben beide zusammen geschrieben und es ist eine Mischung aus WhatsApp-Chatverläufen zwischen ER und einer Freundin und Erzählungen von OJ. Teils beschreibt er rückblickend, wie es sich entwickelte, teils, wie sie da auf dem Sofa liegen, Serien schauen, gemeinsam Sushi machen. Und es ist wunderschön. Die ganze Zeit schwingt eine Spannung mit: Macht es bei denen endlich mal "Klick"? WIE OFFENSICHTLICH SOLL ES DENN NOCH WERDEN, EY?! Mittlerweile hätte das ja sogar ich kapiert! Wobei das nicht wahr ist, weil ich in solchen Dingen selbst ungefähr so sensibel wie ein Stein bin.

Und trotzdem — oder gerade deshalb? — konnte ich die inneren Monologe, Handlungen und Gedanken von OJ so gut nachvollziehen. Ich mochte den Schreibstil, die Sprache. Da ist so viel Sanftheit, so viel Zärtlichkeit in diesem Buch: Mitlesen, -fiebern, -erleben und -fühlen zu dürfen, wie es da zwischen zwei Menschen prickelt, das war einfach schön und herzerwärmend. Neben der schönen Geschichte sind bei mir auch die Gedanken und die Angst von OJ zum Thema Schwulenhass hängen geblieben. Es macht mich traurig und wütend, dass das immer noch ein Thema ist. Was habe ich für ein Recht, Menschen ihr Glück, ihre Liebe zu versagen? Warum nicht lieben und lieben lassen? Tut es wirklich so weh? Was verliere ich dadurch — etwa ein menschenverachtendes Weltbild?

Vielen Dank an OJ und ER, dass ihr das eure Geschichte aufgeschrieben habt und vielen Dank an Stephan, dass du es verlegt und mir eben in die Hand gedrückt hast. Das Buch hat 167 Seiten und ist im Berliner Ach je-Verlag erschienen. Das gedruckte Buch kostet rund 10 Euro, das Ebook bekommt ihr für sieben Euro. Und das ist es auf jeden Fall wert.


Wenn deine örtliche Bücherei es nicht in ihrem Bestand hat, es finanziell nicht für das Buch reicht und du es trotzdem lesen möchtest, dann schreib mir doch einfach eine Email. Ich kaufe gerne noch das eine oder andere Exemplar und schicke es dir zu. Einfach so. Und auch, weil die Gewinne durch das Buch an das Aktionsbündnis gegen Homophobie gehen.

GLS jetzt auch in grün

In Berlin sind mir bei einem meiner Spaziergänge einige Kleintransporter aufgefallen, auf denen das peppige Logo von Parcel Shuttle zu finden ist. Das ist die Marke einer Firma namens GLS eCom Lab GmbH. Diese Firma hat ihren Sitz zufällig an der gleichen Adresse wie die General Logistics Systems Germany GmbH & Co. OHG, besser bekannt als GLS, in der GLS-Germany-Strasse. Zufälligerweise haben die beiden Firmen auch den gleichen Geschäftsführer. Hinter diesem hippen Startup verbirgt sich also ein Logistikriese mit einigen Milliarden Euro Umsatz im Besitz der britischen Royal Mail und damit könnte dieser Blogpost eigentlich auch schon enden.

Auf den Vans ist zu lesen, dass ich mit 12 Euro Stundenlohn rechnen kann, dazu werben sie damit, dass ich das Trinkgeld behalten kann. Also wenn Kundïnnen denn welches geben. Und mal ganz ehrlich: Wie häufig habt ihr das in den letzten zwölf Monaten getan? Paketbotïnnen Trinkgeld gegeben?

Alles anders?

Die Paketbranche ist jetzt nicht unbedingt bekannt dafür, gut mit Mitarbeiterïnnen umzugehen, GLS scheint da eher nicht die löbliche Ausnahme zu sein. Günther Wallraff hatte sich den Laden vor einigen Jahren mal genauer angeschaut und war eher so mässig begeistert.

Aber mit Parcel Shuttle wird das jetzt alles anders, versprochen! Da arbeitet "ein bunter Haufen aus Logistikexperten, Software-Entwicklern, Customer-Experience-Talenten und Machern, denen die Fahrer-Community am Herz liegt" daran, das zu ändern. Und wer sind eigentlich die Kundïnnen?

Unsere Kunden? Die Fahrer. Unsere Fahrer-Community ist unser wertvollstes Asset. Wir wollen ihr Leben bereichern. Deswegen bieten wir höchste Flexibilität, kurze Arbeitswege, faire Bezahlung. Und das bei regulären Arbeitsverhältnissen. — parcelshuttle.de

Offenbar hat GLS verstanden, dass Scheinselbstständigkeit und Co. weder bei echten Kundïnnen, noch bei Auftraggeberïnnen und vor allem beim Finanzamt so gut ankommen. Also muss ein neues Konstrukt her, mit dem man bei möglichst geringen Sozialabgaben günstig Pakete ausliefern kann. Ausserdem hatte GLS laut Konzernlagebericht 2018/2019 Schwierigkeiten damit, neue Mitarbeiterïnnen zu rekrutieren, also warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?

Bei Parcel Shuttle ist man als Minijobberïn oder Werkstudentïn fest angestellt, muss aber eine feste Anzahl Pakete pro Schicht ausliefern, zumindest suggierieren das die FAQs. Der Job klingt jetzt nicht unbedingt ein Zuckerschlecken, aber für elf bis zwölf Euro Stundenlohn kann man ja auch mal was schaffen. Zwar ist man als Minijobberïn nicht zwangsläufig krankenversichert, aber das ist ja bekanntlich nicht Sache des Unternehmens.

Die letzte Meile

Was für die deutsche Post und DHL die Packstationen sind, scheint für GLS das Tochterunternehmen Parcel Shuttle zu sein: Die letzte Meile ist da so immer das Aufwendige, das Anstrengende, das Ätzende, das man als Logistikunternehmen eigentlich loswerden möchte. Parcel Shuttle wirbt übrigens damit, die "Last-Mile-Lieferplattform" auch für andere Unternehmen anzubieten. Dass es sich dabei um verschiedene Marken ein und desselben Konzerns handelt, das muss man ja nicht unbedingt erwähnen. Ein Logo der Royal Mail macht sich doch sehr gut auf einer Webseite.

So wie die Packstationen in der Gegend rumstehen, so tun es auch die Fahrzeuge von Parcel Shuttle. Anstatt neben Supermärkten stehen sie wie neumodische Spielzeug eScooter einfach auf der Strasse in der Gegend rum. Indem man die Infrastruktur der Allgemeinheit missbraucht, kann man natürlich auch die Miete für Depots sparen.

Bei DHL sollen die Paketempfängerïnnen ihre Pakete bitte selbst abholen, wobei sie -- und das muss ich fairerweise auch erwähnen -- viel flexibler und selbstbestimmter bei der Paketabholung sind. Warum die Versandkosten für Pakete dann allerdings nicht geringer sind, wenn ich sie an eine Packstation senden lasse, erschliesst sich mir nicht so ganz. Denn schliesslich erbringe ich einen Teil der Dienstleistung, für die ich bezahle, ja selbst.

Parceliveroo

Bei Parcel Shuttle handelt es sich einfach nur um die Anwendung der Gig Economy auf die Paketbranche: Geringfügig Beschäftigte oder Selbständige erledigen die Arbeit und liefern Pakete aus, mit allen Vorteilen für die Arbeitgeberïnnen und mit allen Nachteilen für die Arbeitnehmerïnnen. Ich muss nur mein eigenes Smartphone mitbringen und schon kann ich ein bisschen Geld verdienen. Früher war das so, dass Arbeitgeberïnnen für Arbeitsmittel zuständig waren, aber neue Zeiten, neue Sitten.

Wie gut und nachhaltig so etwas funktioniert, zeigen Uber, Deliveroo, AirBNB und Co. ziemlich gut. Du hättest gerne einen Betriebsrat und betriebliche Mitbestimmung? Ja, sehr gerne, aber dein Vertrag wird leider nicht verlängert. Du wirst krank? Dann hast du doppelt Pech: Weil du nur nach geleisteten Stunden bezahlt wirst, verdienst du in dem Fall nichts. Oh, und um eine Krankenversicherung musst du dich selbst kümmern. Tja 🤷.

Gesellschaftliche Verantwortung? Hä?

Ich finde es unmöglich, wenn Unternehmen sich vor ihrer Verantwortung für Mitarbeiterïnnen und Gesellschaft drücken. Aber offenbar haben wir als Gesellschaft kein Problem damit, wenn Unternehmen sich daneben benehmen. Denn schliesslich ist es wichtiger, dass wir unsere Pakete günstig verschicken können.

Vielleicht bin ich in meinen Ansichten aber auch einfach ein alter, überholter, unflexibler Dinosaurier: Ich finde beispielsweise, dass Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Sozialversicherungen einfach eine Selbstverständlichkeit und kein Privileg zu sein haben. Dass Unternehmen Verantwortung für ihre Mitarbeiterïnnen übernehmen müssen. Aber vielleicht scheint diese Gig Economy, wo alle für sich arbeiten und reiche Menschen durch Ausbeutung noch reicher werden, die neue Norm zu sein. Wo ist die Solidarität hin?

Fazit

Alles in allem versucht hier scheinbar ein grosser, profitabler Konzern halbinnovativ mit einer neuen, hippen Marke noch mehr Geld zu verdienen. Mein Eindruck ist, dass Parcel Shuttle aber alles andere als nachhaltig und einfach nur die Fortsetzung der Ausbeutung mit anderen Mitteln ist, trotz hübschem Nachhaltigkeitsbericht der Konzernmutter mit einigem Blabla zur sozialen Verantwortung.

Und deshalb würde ich mich freuen, wenn sich die GLS Beteiligungs GmbH auch in ihrem nächsten Konzernbericht darüber beklagt, nicht genügend Mitarbeiterïnnen rekrutieren zu können.

Einmal ja, zweimal nein

Über die letzte Zeit haben sich zwei Gewohnheiten bei mir eingenistet, die ich irgendwie nett finde. Zum einen schreibe ich nahezu täglich mindestens einen Satz in mein Tagebuch -- und merke dabei, wie chaotisch meine Gedanken bisweilen sind. Wahrscheinlich ist das auch hier auf dem Blog ganz gut ersichtlich. Anfangs schrieb ich die Tagebucheinträge mit einem Kugelschreiber, dann mit einem Füller. Zum anderen versuche ich täglich spazieren zu gehen und auch das funktioniert seit mehr als einem Monat erstaunlich gut.

Irgendwo habe ich von einer Regel gelesen, die für mich super funktioniert hat: Einmal einem Tag ausfallen lassen, ist in Ordnung. Aber mehr nicht. Das hat mir offenbar die nötige Sicherheit gegeben, weil manchmal geht es einfach nicht anders.

Ironischerweise motiviert es mich dann umso mehr, am darauffolgenden Tag wieder zu schreiben oder zu spazieren. Realistisch gesehen würde nichts passieren, wenn ich es an einen weiteren Tag ebenfalls ausfallen lasse, aber offenbar lasse ich mich sehr leicht bescheissen. Ich frage da mal lieber nicht weiter nach.

Goldener Käfig

Am Wochenende war ich unter anderem im noch Vereinigten Königreich -- zum ersten Mal seit etwas mehr als zwei Jahren. Eine Freundin feierte Geburtstag und so ließ ich es mir nicht nehmen, mit dem Zug anzureisen. Das habe ich mir vor fünf Jahren zum Abschluss meines Bachelorstudiums schon einmal geschenkt und ich hatte es sehr angenehm in Erinnerung.

Ich fahre gerne Zug. Für mich ist das meistens eine sehr entspannte Form des Reisens. Wie beim letzten Mal fuhr ich über Brüssel und von dort mit dem Eurostar nach London St Pancras International — einem wunderschönem Banhof. Eine Fahrt dauerte rund sechs Stunden. Wäre ich geflogen, wäre ich wohl auch nicht schneller gewesen.

Der Eurostar fährt für rund 20 Minuten mit bis zu 300km/h unter dem Ärmelkanal durch den Channel Tunnel. Auf den ersten Blick ist diese Röhre ungefähr so spektakulär wie der Gotthard-Basistunnel: Es ist ziemlich dunkel und man sieht nichts. Man hat aber mobiles Internet und wenn man bedenkt, dass der Eisenbahntunnel unter dem Meer verläuft, sieht es schon anders aus mit meiner Bewunderung. Habe ich schon erwähnt, wie beeindruckend ich die Technik finde? Ich schweife ab.

Bevor man in den Eurostar steigt, muss man einen Sicherheitscheck wie am Flughafen mitsamt doppelter Grenzkontrolle über sich ergehen lassen. Die Unterwegsbahnhöfe waren großzügig mit Maschendrahtzahn, Stacheldraht und Zäunen abgesperrt, ebenso wie die Tunneleinfahrten. Damit auch ja niemand ohne Ticket, Sicherheitscheck, Aufenthaltsticket, falscher Staatsangehörigkeit in diesen Zug steigen kann.

Wir haben soviel Angst vor Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort zur Welt kamen, dass wir uns selbst lieber in einem goldenen Käfig einsperren und Frontex, Gerichte und unterlassene Hilfeleistung die Drecksarbeit erledigen lassen.

Oder, um es mit den Worten von Dota Kehr zu sagen:

Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht? — Dota Kehr, Grenzen

Tiefenentspannt

In der Grundschule gab es jedes Jahr den Waldlauf. Wer eine Stunde am Stück durch den Wald rennen konnte, bekam eine goldene (gelbe) Urkunde, für mehr als eine halbe, aber weniger als eine ganze Stunde gab es eine silberne Urkunde. Und ab 15 Minuten gab es eine bronzene Urkunde. In den drei Jahren, in denen ich die Schule besuchte, errannte ich zwei gelbe und eine silberne Urkunde.

Heute stand ich für eine Stunde auf dem Laufband. Das habe ich auch seit längerem nicht mehr gemacht, aber heute brauchte ich das irgendwie. Hinterher war ich im Arsch, aber tiefentspannt und morgen erwartet mich vermutlich ein Muskelkater. Das ist in Ordnung.

Wenn ich gewusst hätte, dass alles, was es für Tiefenentspannung braucht, eine Stunde auf dem Laufband ist, hätte ich das schon viel früher gemacht. Vor rund zwanzig Jahren wusste ich da wohl schon mal mehr als heute.

Alles gesagt?

Ich produziere nicht nur selbst einen Podcast, ich höre sie natürlich auch gerne. Jemand sagte mal, dass Menschen in Podcasts laut denken und dabei kann man ihnen zuhören. Ist das nicht großartig?

In der letzten Zeit hat es sich — wahrscheinlich auch durch meine Spaziergänge — eingeschlichen, dass ich mir auch mehr Zeit für die großen Podcasts mit längeren Folgen nehme. Wie beim Lesen finde ich das irgendwie schön. Wahrscheinlich bin ich da einfach mal wieder ziemlich spät zu der Party und ihr alle macht das schon seit immer so beim Wäsche aufhängen.

Ich mag Podcasts mit einem klaren Konzept, "Alles gesagt?" von ZEIT ONLINE (Feed, Wikipedia) beispielsweise. Wahrscheinlich haben die meisten Podcasts ein gutes, klares Konzept, nur ich keine Ahnung. Vielleicht sollte ich mal mehr Podcasts und mehr Nullnummern hören.

Die Idee hinter "Alles gesagt?" ist relativ simpel: Bekannte Menschen essen und reden, bis der Gast das Gespräch beendet -- hinzu kommen kleine Spiele. In Summe kommt da dann meistens ein Gespräch raus. Ich mag, dass es nur eine lose Kopplung zwischen den Folgen gibt, so kann ich jede Folge einzeln hören. Ganz wunderbar.

Und das meiste Essen klingt einfach grossartig. Mit Eva Schulz haben Christoph Amend und Jochen Wegener beispielsweise Kuchen und israelische Küche aus dem Yafo gegessen. Das klang sehr gut, da muss ich auch mal hin — auf jeden Fall habe ich jetzt Hunger.

Mondlicht

In der letzten Zeit habe ich die Angewohnheit entwickelt, spazieren zu gehen. Manchmal habe ich einen Podcast auf den Ohren, manchmal habe ich keinen Podcast auf den Ohren. Aber wenn ich am Ende des Tages nicht meine paar tausend Schritte und meine paar Minuten gegangen bin, dann fehlt mir mittlerweile etwas.

Am Wochenende zum Beispiel war ich irgendwo im Bergischen Land und auch dort konnte ich einfach nicht ohne. So drehte ich abends meine Runde -- es war, von einzelnen Autoscheinwerfern abgesehen, herrlich dunkel. Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und ich sah meinen Schatten, der vom Mondlicht auf den Boden geworfen wurde und mich begleitete.

Das war das dritte Mal, dass ich ihn sah. Das erste Mal war vor rund zwei Jahren im Urlaub auf einer Insel im Mittelmeer, als ich abends am Strand spazieren ging. Da hatte mich das schon beeindruckt. Und beim zweiten Mal spazierte ich vor rund einem Jahr abends übers Tempelhofer Feld. Damit wäre das für dieses Jahr also auch erledigt.

10 Tage im Sommer

Sanna Marin, die finnische Regierungschefin, hat vor einigen Tagen eine Viertagewoche mit nur sechs Stunden pro Tag vorgeschlagen. Können wir das mal bitte ausprobieren? Auf ZEIT ONLINE las ich einen entsprechenden Artikel, der durchaus anschaulich und dafür argumentierte.

In "It doesn't have to be crazy at work", dem Buch von Jason Fried und David Heinemeier Hansson, das ich aktuell lese, wird eine schöne Idee vorgestellt, die vielleicht als Zwischenschritt taugt: Bei Basecamp, der amerikanischen Softwarefirma im Besitz der beiden, ist es so, dass alle Angestellten ausnahmslos im Sommer eine Viertagewoche haben. Bei vollem Gehalt. Damit sie ihre Zeit im Sommer beispielsweise mit der Familie und/oder draussen verbringen können. Damit sie zufriedener sind und im Endeffekt auch wieder besser arbeiten.

Wenn wir die 24-Stunden-Woche schon nicht in absehbarer Zeit einführen wollen, können wir dann bitte vielleicht mal ernsthaft über die Viertagewoche im Sommer nachdenken? Oder habt ihr mitbekommen, wie die Wirtschaft mit der Einführung der Vierzig-Stunden-Woche zusammengebrochen ist?

Lesen

Seit einigen Monaten lese ich wieder mehr — eine sehr schöne Entwicklung. Wieder mehr zu lesen war schon seit längerem ein Vorhaben, zumal mein Bücherstapel meine Leseliste in der Zeit, in der ich wenig gelesen habe, nur noch schneller angewachsen ist. Eigentlich lese ich den ganzen Tag: Dokumentation, Code, Tweets, Toots, Blogposts — aber eben bisher kaum Bücher. Schlussendlich hat es mir den Wiedereinstieg erleichtert, jeden Tag zwei Seiten eines Buches zu lesen. Weil ich lese nicht nur zwei Seiten und lege das Buch dann weg.