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Was bisher (nicht) geklappt hat

Nachdem es im ersten Teil um den aktuellen Stand ging, möchte ich in diesem Artikel darauf eingehen, was probiert wurde und warum es nicht geklappt hat.

  1. Die Lage der Publikation
  2. Was bisher (nicht) geklappt hat
  3. Und nun? Was tun!

Was bisher geschah

Zeitungen leben für gewöhnlich davon, Werbung, Gossip und Kreuzworträtsel zu verkaufen, die Journalismus querfinanzieren, wie Michael Seemann es auf Mastodon formulierte. Christian Fahrenbach bezeichnete die New York Times im Podcast mit Holgi als „Gaming Studio mit Kochbuchabteilung und so'n bisschen Nachrichten“. Für Inhalte hingegen legt man bei Alternativen wie Table.Media — sicherlich eine andere Zielgruppe — gleich mal richtig Geld auf den Tisch. Nur: Im nd gibt es kaum Werbung und mit Sudoku und Nachrichten alleine verdient man kein Geld.

Stattdessen gibt es das nd noch, weil Print-Abonnent*innen der Zeitung treu bleiben und/oder vergessen, ihr Abo zu kündigen. Das Problem: Sie sind alt und sterben. Die Hoffnung: Mehr junge Leute schliessen ein Digital-Abo ab — für mindestens 15 Euro im Monat. 15 Euro pro Monat sind für eine App sehr viel Geld. Netflix verlangt 14 Euro.

Während die Junge Welt beispielsweise konsequent auf Papier setzt und eine Printstrategie fährt, kann es sich das nd schlicht und ergreifend nicht mehr leisten, jeden Tag eine gedruckte Zeitung zu produzieren. Deshalb gibt es den Plan, die Zeitung Stück für Stück zu digitalisieren, damit man wenigstens am Wochenende noch eine Zeitung im Briefkasten hat. Dieser Prozess geschieht sehr langsam, vielleicht zu langsam, während das Eigenkapital munter weiter schmilzt. Selbst bei der taz ist eine vollständige Digitalisierung angekündigt, bisher aber noch nicht umgesetzt.

Seit Anfang des Jahres wurde in Zusammenarbeit mit der schweizer Wochenzeitung woz mit nd.digital besagte App für die Digitalisierung entwickelt. Seit Mai wird die Montagsausgabe durch sie ersetzt. Weitere Wochentage sollen — und werden — folgen, aber eben immer nur peu à peu.

Um gerade dem älteren Publikum den Umstieg zu erleichtern, gibt es unter anderem eine Hotline und regelmässige Hilfsangebote im FMP 1. Ob und wie die Print-Abonnent*innen gerade die weitere Digitalisierung mitmachen, steht in den Sternen, die Downloadzahlen sind überschaubar. Gleichzeitig sind nahezu alle Artikel kostenlos auf der Webseite des nd zugänglich. Warum dann also 15, 20 Euro für ein Abo ausgeben und nicht für Netflix?

nd.Dreitausend

Das nd braucht Geld, braucht neue Digital-Abonnent*innen. Weil die nicht einfach vom Himmel fallen oder auf Bäumen wachsen, hat die Redaktion die Kampagne nd.Dreitausend entwickelt. Das Ziel: 3.000 neue Digital-Abos. Der Weg: Engagierte Leser*innen sollen in ihrem Bekanntenkreis für das nd werben und können die Kampagne mit Sharepics in den sozialen Medien unterstützen. In den angestrebten Verlusten für 2024 von mehr als 200.000 Euro sind 2.000 Abos übrigens schon eingepreist.

Die Hoffnung ist, dass die Menschen das nd als Debattenmedium, als Stimme der Linken, als Infrastruktur begreifen und sich solidarisch an der Finanzierung beteiligen, als wäre sie eine Stadtbücherei. Ein schöner Gedanke, aber realistisch? Ich habe Zweifel.

Das anekdotische Feedback meines Bekanntenkreises reicht übrigens von „15 Euro sind viel zu viel“ bis zu „Das nd ist objektiv betrachtet keine gute Zeitung. Da kann jede*r schreiben und das merkt man. Außerdem streiten sich die Leute die ganze Zeit unmoderiert.“ Die ZEIT beispielsweise mache das mit ihrem Streitressort wesentlich besser.

Doch nicht nur das Geld ist knapp, es mangelt auch an Leuten, die einfach Arbeit erledigen. Sich beteiligen. Ja, auch unbezahlt. Bei mehr als 1.200 Genoss*innen wundert mich das ein bisschen.

Das nd will einen Journalismus von links bieten, gleichzeitig aber Nachrichten verkaufen, bei denen eine gedruckte Zeitung 2024 naturgemäß hinterherläuft. Mir drängt sich auch der Eindruck auf, dass es bisweilen eher Journalismus über links ist: Das nd ist eine Zeitung der Redaktion für die Redaktion, eine Zeitung für Genoss*innen, die sich für teuer Geld eingekauft haben. Von den Mitarbeiter*innen des nd haben übrigens nicht alle Anteile: Viele können sich die 500 Euro schlicht nicht leisten. Auf der letzten Generalversammlung bezeichnete es jemand so:

Man kann es sich nur leisten, beim nd zu arbeiten, wenn der Partner, die Partnerin gut verdienen.

Die anvisierte Zielgruppe "Links" ist weiterhin extrem schwammig und jetzt auch nicht unbedingt für tiefe Geldbeutel bekannt.

Dilemmata und Probleme

Das nd ist in absehbarer Zeit nicht mehr, wenn es so weitermacht, wie bisher. Aus dieser bitteren Wahrheit erwächst allerdings auch eine riesengroße Chance: Man kann machen, was man will. Und diese Freiheit, diese Chance kann man nutzen.

In den letzen Monaten wurde ich mehrmals daran erinnert, dass das nd ein durchaus innovatives Unternehmen ist, sein muss. Es bietet jungen Menschen die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Erste Schritte im Journalismus zu wagen. Neue Konzepte zu erproben. Bewähren sie sich, erwächst daraus das nächste Problem: Andere Medien winken mit Geld und weg sind sie.

Man sieht die Notwendigkeit der Veränderung, will, muss aber so lange wie möglich weiter machen wie bisher. Lauter Dilemmata. Nichts Halbes, nichts Ganzes.

Ich sehe Mängelverwaltung, ich sehe wenig Mut zur Veränderung und einzelne Ideen. Ich sehe Angst und Lethargie und kann das alles nachvollziehen. Gleichzeitig sehe ich, dass die Zeit abläuft: Das nd steht mit dem Rücken zur Wand und verhält sich wie ein Reh auf einer nächtlichen Landstraße im Scheinwerferlicht.

Was tun?