bullshit

Augenhöhe

Micha schrieb vor ein paar Tagen, dass er vor längerem keinen Handyvertrag abschliessen konnte. Die Schufa hat zu wenig Daten von ihm und bescheinigt ihm deshalb ein sehr hohes Risiko, dass er seine Handyrechnung nicht bezahlen kann.

Etwas ähnliches ist mir vor ein paar Monaten mit Kochzauber passiert, einem Lieferdienst von Rezepten und Lebensmitteln.

Grundsätzlich möchte ich so wenig Dienste wie nötig nutzen. Ich möchte kein zusätzliches PayPal-Konto, kein zusätzliches Klarna-Konto, kein zusätzliches Sofort-Überweisungskonto. Ich würde gerne das nutzen, was ich eh schon habe. Kurz: Ich wollte bei Kochzauber per Lastschrift bezahlen. Doch das Formular nahm meine Daten nicht an. Ich probierte es mehrmals und bekam jedes Mal die Mitteilung, dass es ein technisches Problem gäbe.

Die Hotline konnte mir ebenfalls nicht weiterhelfen und so warf ich meine Prinzipien über den Haufen und bestellte schlechten Gewissens mit Klarna. Wenig später stand die Fressbox dann vor der Tür und man könnte meinen, dass alles halb so schlimm gewesen sein.

Kurz nach der Bestellung fand ich heraus, dass man in den Einstellungen bei Kochzauber verschiedene Zahlungsmöglichkeiten hinterlegen kann. Also probierte ich es dort erneut. Ich gab meine Kontodaten ein und löschte Klarna. Und siehe da: Kochzauber akzeptierte meine Bankverbindung ohne Probleme. Scheinbar haben sie eine schnelle Bonitätsprüfung drin, wenn man als Neukunde per Lastschrift zahlen will. Sobald man sich dann jedoch ein Konto erstellt hat und die Zahlungsmöglichkeiten ändert, überspringen sie diese Bonitätsprüfung. Soll mir recht sein.

Etwas Ähnliches passiert mir seit geraumer Zeit bei Lieferando. Auch dort kann ich nicht mehr per Lastschrift bezahlen. Und auch sonst spuckt Lieferando seit Monaten Fehlermeldungen aus, der Bug ist der Hotline bekannt, aber scheinbar ist man bei Lieferando zu bequem, Bugs im System zu fixen. Doch zurück zum Thema.

Die Schufa geht davon aus, dass Micha seine Handyrechnung nicht bezahlen kann, weil sie nicht genug Daten über ihn hat. Weil er sich noch nicht splitterfasernackt ausgezogen hat. Auch wenn man in der Wirtschaft nur bedingt von In Dubio Pro Reo sprechen kann, so finde ich es trotzdem falsch.

Ein Unternehmen verlangt von einem Kunden, dass es ihm vertraut. Umgekehrt geht das Unternehmen jedoch davon aus, dass der Kunde nicht zahlen kann, wenn es nicht absolut sicher weiss, dass er zahlen kann.

Ich finde es schade, dass sich beide Parteien nicht einfach aus Augenhöhe begegnen. Ich kann verstehen, dass ein Unternehmen das Risiko, dass ein Kunde nicht zahlen, senken möchte. Ich kann aber nicht verstehen, warum man nicht davon ausgeht, dass der Kunde bis zum Gegenbeweis zahlen kann.

Generell ist ein bisschen weniger Misstrauen wohl keine schlechte Idee. Und ein bisschen weniger Schufa. Das V in Schufa steht nämlich für Vertrauen. Ebenso wie das O für Optimismus steht. Oder das N für Notwendig

Spiel mit dem Feuer

Am 01.09.2015 berichtete die RNZ von einem massiven Polizeieinsatz wegen Krawallen in Flüchtlingsunterkünften in Heidelberg und Sinsheim, am 03.09.2015 erneut, der Mannheimer Morgen dazu (Wenn ihr die Kommentare lest, seid ihr selbst schuld.). Es gibt ein Interview mit dem Polizeipräsidenten in der RNZ . Darin antwortet er auf die Frage, was helfen würde, damit die Lage sich beruhigt, mit:

Am besten wäre es, die Dauer des Schwebezustandes, in dem sich die Flüchtlinge nach der Registrierung befinden, deutlich zu verkürzen. Sobald die Asylbewerber dann aus den Erstaufnahmestellen in die Kommunen verteilt sind, hören die Probleme auf.

Der Rheinneckarblog zitiert ebenfalls einen Polizeispeicher:

Je mehr Menschen auf engstem Raum zusammenleben, desto häufiger kommt es zu Konflikten – das beobachten wir nicht nur in Heidelberg. In Unterkünften mit besseren Lebensbedingungen kommt es dagegen deutlich seltener zu Auseinandersetzungen.

Zum Schluss stellt der RNB fest:

Wenn allerdings mehrere hunderte Menschen auf engstem Raum zusammenleben, kommt es regelmäßig zu Konflikten – hier muss die Politik aktiv werden, um diese Zustände zu verbessern.

"Die Politik" saß heute Abend im Kanzleramt zusammen und war sich laut tagesschau.de unstrittig darüber, dass Flüchtlinge länger in den Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht werden sollen.

Erst nach dem Ende ihres Verfahrens sollen Flüchtlinge auf die Kommunen verteilt werden.

Fassen wir zusammen: Ein Grund dafür, dass Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen aneinander geraten, ist, dass viele Menschen über längere Zeit auf engstem Raum miteinander leben müssen. Um die Zustände zu verbessern, fällt "der Politik" nichts anderes ein, als die Verweildauer in den überfüllten Erstaufnahmeeinrichtungen zu verlängern.

Ich finde es gefährlich. Zumal ein "Diese Flüchtlinge prügeln sich doch hier nur!!1!!" als vermeintliches Argument gelten dürfte, das Asylrecht weiter zu beschneiden. Darüber hinaus bekämpft man nicht die Ursache - zuviele Menschen zu lange auf einem Raum -, sondern ein Symptom.

Man soll nicht meckern, ohne einen Vorschlag zu unterbreiten, wie es besser funktionieren könnte. Dann will ich mich daran mal versuchen:

Lasst die Menschen arbeiten. Schafft Dublin ab. Schafft Mittel und Wege, dass Menschen sich nicht in die Hand von Schleppern begeben müssen. Lasst Menschen so früh wie möglich aus den Erstaufnahmeeinrichtungen gehen. Beschneidet Menschenrechte nicht noch weiter. Lasst aus einer Ausnahme eine Regel werden.

Ein Zaun wie in Ungarn wird Menschen nie aufhalten. Man kann ihn nicht endlos erhöhen. Aber wir können uns der Menschen, die zu uns fliehen, annehmen. Weil es uns gut genug dafür geht. Weil es unsere verdammte Pflicht ist. Weil wir eines Tages auch auf Hilfe angewiesen sein können.

Drüben bei #bloggerfuerfluechtlinge findet ihr eine Liste von Links, wo und wie ihr helfen könnt. Ansonsten #trainofhope.

Ich sitze zur Zeit noch zwei Wochen an meiner Bachelorarbeit und versuche, die Welt so gut es geht nicht an mich heranzulassen. Mit einem Kloß im Hals kann ich mich schlecht konzentrieren. Verzeiht mir das.

#bloggerfuerfluechtlinge

Seit gut einer Woche gibt es #bloggerfuerfluechtlinge. Paul Huizing, der diese Initiative mit Nico Lumma, Karla Paul und Stevan Paul ins Leben gerufen haben, schreibt dazu:

Wir wollen den Menschen, die hier in Deutschland ankommen helfen, und denjenigen die sich Heimatschützer, Patrioten, Biedermänner, Brandstifter, Kleingeister, Zukurzgekommene und Verständnisheuchler nennen, die in Heidenau, Hoyerswerda und Meißen glauben, sie hätten ein Recht gegen Menschenrechte auf die Straße zu gehen friedlich entgegentreten. Das sind Neonazis und keine besorgten Bürger. Das sind Rassisten und keine Asyklkritiker.

Vielen Dank an euch vier, die ihr begonnen habt! Ursprünglich ging es darum, die engagierten Helfer_innen von Moabit hilft, die sich um die Menschen vor dem LaGeSo gekümmert haben, zu unterstützen. Nachdem Moabit hilft die Koordination vor dem LaGeSo an die Hauptverantwortlichen zurückgegeben hat und die ganze Geschichte größer geworden, können nun Initiativen in ganz Deutschland unterstützt werden.

Blogger für Flüchtlinge

Wenn du etwas tun möchtest, kannst du beispielsweise Geld oder Sachen spenden oder vor Ort nachfragen, in wiefern Hilfe benötigt wird. Natürlich kannst du auch die Botschaft von #bloggerfuerfluechtlinge verbloggen und so verbreiten.

Und vor allem kannst du aktiv dazu beitragen, dass Flüchtlinge in der Mitte unserer Gesellschaft akzeptiert werden.

Es sind schon viele Beiträge von anderen Blogger_innen entstanden. Carline Mohr hat beispielsweise ihren Vater zu Wort kommen lassen und Juna erzählt eine Geschichte aus ihrer Kindheit

Dafür, dass wir seit Jahren in Frieden und (relativem) Wohlstand leben, bin ich dankbar. Dass es anderen Menschen nicht so geht, ist schlimm genug. Dass Menschen vor etwas fliehen müssen, ist noch schlimmer. Dass der Staat mit der Situation dermaßen überfordert ist und so versagt, dass Freiwillige einspringen und helfen (müssen), macht mich wütend. Doch ihr, ihr Nazis und Rassisten, die gegen Flüchtlinge hetzt, ihr, ihr Terroristen und Verbrecher, die Flüchtlingsunterkünfte anzünden, ihr widert mich an. Es ist verdammt nochmal unsere Pflicht als Menschen, Flüchtlinge aufzunehmen. Kein Mensch flieht freiwillig.

Also los: Spende Geld oder Sachen, wenn du kannst! Frage nach, in wiefern Hilfe vor Ort gebraucht wird! Blogge darüber!

Das ist wohl dieser Montag, von dem immer alle reden.

Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause hatte der Zug nach Heidelberg, mit dem ich für gewöhnlich fahre, Verspätung. Da der nachfolgende Zug nach Mannheim ebenfalls Verspätung hatte, stieg ich ohne gross nachzudenken in den einfahrenden Zug. Ich suchte mir einen Platz und wunderte mich, warum der Zug heute so flott unterwegs ist.

In Mannheim merkte ich dann, dass ich in den falschen Zug gestiegen war. Ich ärgerte mich kurz und machte mich schlau, wie ich denn am besten zurück nach Hause komme. Die App schlug mir vor, mit einem Intercity bis zum Heidelberger Hauptbahnhof und von dort aus dann weiterzufahren. Gesagt, getan, das Ticket war schnell gekauft. Ich hätte zwar auch mit einer S-Bahn fahren können, wollte aber lieber mir den IC fahren. Habe ich schon lange nicht mehr gemacht.

Ich wartete also am Bahnsteig auf die Einfahrt des ICs. Doch statt des Zuges kam die Durchsage, dass der IC heute nicht in Heidelberg halten würde. Ich fragte eine freundliche Bahnmitarbeiterin, was ich denn jetzt mit dem Ticket machen sollte. Sie schickte mich ins Reisezentrum, wo mir eine andere freundliche Bahnmitarbeiterin das Geld zurückgab. Ohne große Diskussion. Das kannte ich bisher nicht von der Bahn, ich finde es aber sehr nett. Gerne mehr davon :-)

Alternativ zum IC fuhr ja glücklicherweise noch besagte S-Bahn. Ich ging wieder mal zum Bahnsteig, aber nur um dann festzustellen, dass auch die S-Bahn Verspätung hatte.

Und das alles bestimmt nur, weil heute Montag ist. Und ich nicht auf die Zuganzeige geschaut habe.

δουλειά und δουλεία

Es ist aufschlussreich, dass das griechische Wort für Arbeit (douleia) genau dasselbe ist wie das für Sklaverei. Nur die Betonung weicht ab.

Aus dem Artikel "So ist der, der Grieche" von Nikos Dimou aus der aktuellen Brandeins, die sich mit dem wunderbaren Thema Faulheit beschäftigt.

Neben der aktuellen Ausgabe der Brandeins kann ich Dir auch den Artikel "Sagen Sie alle Termine ab!" von Patrick Spät empfehlen.

Dieser Blogost enstand ironischerweise auf dem Weg zur Arbeit.

Sichere Herkunftsländer

Seehofer und sein bayrisches Kabinett beschlossen vor ein paar Tagen, dass man Menschen, die aus dem Westbalkan kommen und bei uns Asyl beantragen, doch bitte in grenznahe Einrichtungen unterbringen solle, damit man sie möglichst schnell wieder abschieben kann. Er will diesen allgegenwärtigen "Asylmissbrauch" (Ich fühle mich schlecht, dass dieses Wort den Weg in meinen Blog gefunden hat.) durch Menschen vom Westbalkan bekämpfen. Weil diese Menschen vom Westbalkan hindern Bayern daran, den wirklich bedürftigen Menschen zu helfen!!1!

Wir müssen auch klar benennen, um was es geht, wenn Menschen ohne Schutzanspruch nach Deutschland kommen, wie zum Beispiel vom Westbalkan: Asylmissbrauch, der die Akzeptanz und großartige Hilfsbereitschaft in unserer Bevölkerung für Flüchtlinge schmälert und unsere Kapazitäten für Menschen mit Schutzanspruch verringert.

Die erste dieser Einrichtungen soll übrigens sehr grenznah entstehen. Bei Ingolstadt.

Ich finde Seehofers Ansatz, Menschen in zwei Gruppen einzuteilen und der einen Gruppe die Schuld zuzuweisen, dass man der anderen Gruppe nicht helfen kann, menschenverachtend und gefährlich. Das hat was von Juden, die die Brunnen vergiften. Wenn Seehofers Beamtenapparat mit der Menge der Menschen, die ein Menschenrecht in Anspruch nehmen, überfordert ist, dann liegt das sicherlich nicht an der Menge der Menschen, die ein Menschenrecht in Anspruch nehmen, zumal Seehofer statt der 2800 benötigten Stellen nur noch knapp 900 bewilligt.

Karamba Diaby hat zum Thema Asylmissbrauch einen sehr schönen Text in der Zeit verfasst (tl;dr: Es gibt keinen Asylmissbrauch.). Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

Ein paar Landräte aus dem Norden Baden-Württembergs bestehen nun auf etwas Ähnlichem wie Seehofer. Doch statt extra Einrichtungen für Menschen vom Westbalkan zu errichten, sollen sie einfach in den bereits bestehenden Erstaufnahmeeinrichtungen bleiben, bis ihr Asylantrag bearbeitet ist:

Personen aus den Westbalkanstaaten, die in Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes Asyl beantragen, werden, wie vom Land beim 2. Flüchtlingsgipfel angekündigt, ab sofort nicht mehr zur Weiterverteilung den Stadt- und Landkreisen zugewiesen. Sie verbleiben in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes bis das verkürzte Asylverfahren nach §36 AsylVfG (Verfahren bei Unbeachtlichkeit und offensichtlicher Unbegründetheit) rechtskräftig abgeschlossen ist.

Dass es nicht einfach ist, viele Menschen, die vor was auch immer - es sollte keine Rolle spielen, warum ein Mensch flieht. Wir sollten ihn einfach aufnehmen und ihm helfen - fliehen, unterzubringen, das bestreitet wohl kaum einer. Unser eigenes Versagen in diesem Fall aber anderen in die Schuhe zu schieben, das ist erbärmlich.

Es macht mir Angst, dass es immer mehr in Mode kommt, am rechten Rand auf Wählerfang zu gehen. Nazis fordern, dass wir nur den wirklich bedürftigen Kriegsflüchtlingen helfen? Fein! Dann fordern wir das auch. Denn dann wählen die Menschen, die sonst Nazis wählen würden, uns! Im Umkehrschluss gibt es dann weniger Nazis, weil weniger Menschen Nazis wählen!!1!.

Es macht mir Angst, dass wir uns ganz einfach aus der Verantwortung ziehen, indem wir Länder zu vermeintlich sicheren Herkunftsländern erklären, um diese Menschen nicht aufnehmen zu müssen. Wir sollten das auch unbedingt zeitnah mit Syrien machen. Oder das Asylrecht gleich ganz abschaffen. Denn in unserem Land soll ja auch schon das reinste Chaos herrschen. Und überhaupt! Deutschland den Deutschen!

Wir sollten am besten noch gestern damit aufhören, uns dahinter zu verstecken, dass wir zur richtigen Zeit die rich tigen Eltern hatten. Dass wir auf einem friedlichen Flecken Erde zur Welt kamen. Dass wir eine Plastikkarte haben. Wir sollten noch gestern damit aufhören, menschenverachtende Politik zu betreiben und zu dulden. Wir sollten sichere Herkunftsländer abschaffen. Und Grenzen. Wir sollten wieder lernen, uns mit Menschen zu solidarisieren, auf sie achten. Sie aufnehmen und ihnen helfen, wenn sie fliehen. Warum oder von wo ein Mensch kommt oder flieht, das sollte egal sein. Wir sollten Menschen einfach einreisen lassen. Denn das ist wohl immer noch ein sehr guter Weg, sie vor dem gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu schützen. Wir können (und sollten) Nazis nicht gewinnen lassen. Ich glaube, dass die meisten Menschen friedlich miteinander leben wollen. Wir sollten diese Menschen vielleicht einfach mal machen lassen.

wir sind eine welt. wir sollten es wenigstens versuchen, zu leben.

— oma_kazi (@oma_kazi), 15. August 2015

Juna schrieb im Jahresrückblick Netzpolitik 2014/2015 über sich, dass ihre Artikel, alle mit der Pointe enden, dass wir die Welt noch retten können. Wenn wir nur wollen. Vor ein paar Tagen hat sie ein paar tolle Links zusammengesammelt.

Ich glaube, dass viele Menschen die Welt retten wollen. Ich finde es beeindruckend, was manche Menschen für Flüchtlinge tun, zum Beispiel in Bayern:

Die Bürger sind empört – weil die Neuankömmlinge nur in Containern untergebracht werden sollen und keine Wohnungen bekommen.

##Nachtrag vom 16.08.2015, 13:20

Gerade flatterte mir über das Zentrum für politische Schönheit ein Stern-Artikel durch die Timeline. Zitat:

Niemand verlässt sein Land, bloß weil zum Beispiel Deutschland seine Grenzen öffnet. Und niemand bleibt, weil die Grenzen zu sind. Offene oder geschlossene Grenzen haben überhaupt keinen Einfluss darauf, ob Leute sich auf den Weg machen oder nicht. Der Unterschied ist allerdings, ob sie lebend ankommen oder tot.

MicroRSS ist Open Source

Als RSS-Reader nutze ich Tiny Tiny RSS. Auf dem Handy greife ich über ttrss darauf zu, auf der Arbeit über den Browser. Also selbstverständlich nur in den Pausen.

Für meinen alten Laptop habe ich mir vor einiger Zeit MicroRSS gekauft. Das ist ein Mac-Client für ttrss, der für wenig Geld im App Store vertrieben wurde. Jetzt stand ich gestern vor dem Problem, dass ich MicroRSS erneut aus dem App Store laden wollte, es aber nicht fand. Stattdessen sah ich, dass der von mir angeforderte Artikel zur Zeit nicht im deutschen App Store verfügbar sei.

Blablabla. Nicht im App Store?

Ärgerlich, dachte ich, und bemühte DuckDuckGo. Und tatsächlich: Der Entwickler von MicroRSS schrieb, dass er keinen Apple Developer Account mehr hätte, weshalb man das Programm nicht mehr im App Store finden würde.

Dabei beließ er es aber nicht, nein. Er stellte den SourceCode unter eine Open Source-Lizenz:

If you want to make your own improvements to this app or develop it further you are free to do that, as the source code is now GPLv3

Das dazugehörige Repository befindet sich auf Bitbucket. Herunterladen kann man das lauffähige Programm auf der Website des Entwicklers.

Ich finde es eine schöne Idee und tolle Geste, Software, die man selbst nicht weiterentwickelt, unter eine entsprechende Lizenz zu stellen, damit andere sich der Software annehmen können.

Das sollten sich auch andere Unternehmen überlegen.

Wer nichts zu verbergen hat

In den letzten Tagen habe ich meinen Feedreader vernachlässigt, die ungelesenen Blogposts und Artikel häuften sich.

Heute morgen habe ich versucht, etwas gegenzusteuern und stieß auf einen Artikel aus dem Münchener Merkur. Es geht um Zivilpolizisten auf einem Festival, die mehr oder weniger freiwillig als solche gekennzeichnet wurden.

In dem Artikel lässt ein Polizeidirektor folgendes Statement fallen:

Warum reagiert der Veranstalter so? Muss man hier zum Schluss kommen, dass er ganz genau weiß, was auf seinem Festival-Gelände abläuft, und er deswegen die polizeilichen Maßnahmen boykottiert?

Er suggeriert durch seine Frage, dass auf diesem Festival-Gelände Verbrechen stattfinden. Der Veranstalter weiss das, er schützt diese bösen Kriminellen aber noch!!1! Er sagt also im Wesentlichen:

Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.

Dass das Bullshit ist, darüber müssen wir hier nicht reden. Es macht mir aber Angst, wenn ich diese Einstellung an einem angeblichen Freund und Helfer, einem Repräsentant eines Rechtsstaats entdecke. Wenn mein Freund und Helfer von Anfang an davon ausgeht, dass ich etwas verberge, weil ich etwas zu befürchten habe, dann läuft irgendwas massiv verkehrt.

Wer nichts zu verbergen hat... FRESSE

Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass es für einen Polizisten (und einen Staat?) in Ordnung ist, dass ein Angeklagter seine Unschuld beweisen muss, dann sollten wir uns mal mit diesem Polizisten (oder dem Staat?) beschäftigen. Da findet sich bestimmt was, aus dem sich der berühmte Strick drehen lässt.

Wir sollten mal von diesem grundsätzlichen Misstrauen weg. Aber da wir da immer weiter reindriften, dürfte es wohl schwierig werden. Jens Scholz hat nach der #rp15 etwas sehr Kluges dazu geschrieben.. Vielleicht klappt es dann auch wieder mit dieser Unschuldsvermutung.

Blitzlichtgewitter

Gestern Abend gewitterte es in der Rheinebene. Mal wieder. Wir hatten eine gute Aussicht vom Balkon auf die Blitze. Ich finde Blitze faszinierend und schön. Die schönsten, beeindruckendsten Blitze weigerten sich natürlich mal wieder, fotografiert zu werden.

Wenn man auf den Auslöser drückt, wenn der Blitz schon vorbei ist, dann kommen manchmal sehr dunkle Fotos dabei raus, so als hätte der Blitz alles Licht einfach gefressen. Das dritte Foto ist ein Beispiel dafür.

#besorgtePferde

Am 22.07.2015 fand im Bürgerhaus in Kirchheim eine Veranstaltung statt, bei der - wie die RNZ schrieb - die "Bürger Dampf ablassen" konnten. Sachlich könnte man es auch so formulieren, dass sich Bilkay Öney, die Integrationsministerin des Landes Baden-Württemberg, den Fragen der Bürger_innen von Kirchheim stellen wollte. Ich twitterte von der Veranstaltung, der Hashtag war #besorgtePferde.

Unter anderem berichteten der Rhein-Neckar-Blog und die Rhein-Neckar-Zeitung. Da die beiden Artikel sich doch ziemlich unterscheiden, wurde ich gefragt, welcher denn jetzt stimmt. Deshalb möchte ich meine Eindrücke ebenfalls aufschreiben.

Ich kam gleich zu Beginn ein paar Minuten zu spät und fand noch einen Stehplatz im Foyes des Bürgerhauses, es war sehr voll. Die Verantwortlichen hatten Zettel und Stifte ausgegeben, damit Besucher_innen Fragen stellen konnten. Diese wurden gesammelt und ein paar der Ministerin gestellt.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Jörn Fuchs, dem Vorsitzenden des Stadtteilvereins. Der Rhein-Neckar-Blog schreibt dazu:

Immer wieder muss Herr Fuchs als Moderator “eingreifen”, immer wieder wird Herr Fuchs aber auch “anheizen”.

Gleich zu Beginn wies er alle Teilnehmer_innen darauf hin, dass man hier sei, um sachlich zu reden. Er erntete dafür Gelächter. Weiter erklärte er, dass man sich nur um Kirchheim kümmern wolle und keine allgemein-politischen Fragen diskutieren wird. Die RNZ zitiert Fuchs mit:

Man muss auch mal still sein, auch wenn man eine Äußerung nicht erträgt.

Viele Leute waren wohl eher gekommen, um Dampf abzulassen und nicht, um sachlich zu diskutieren und eine Lösung zu finden. Sie hatten sich wohl offenbar in den Kopf gesetzt, dass sie an dem Abend auf Biegen und Brechen verbindliche Zusagen haben wollten. Wenn man aber keine verbindlichen Zusagen geben kann, warum sollte man dann verbindliche Zusagen geben, die man nicht einhalten kann?

Der Eindruck verstärkte sich später noch, als Öney ihren Tweet erklären sollte. Kaum holte die Integrationsministerin zu einer Erklärung aus, wurde sie entweder von Fuchs oder vom Publikum unterbrochen. Der Grund: Die Erklärung fiel nicht so kurz aus, wie die Kirchheimer_innen sich das gewünscht hatten. Ausserdem fehlte der Bezug zu Kirchheim im ersten Satz, worauf Fuchs, der mit seiner Moderatorenrolle wählerisch umging, und das Publikum scheinbar großen Wert legten.

Die Leute wollen den Tweet erklärt haben, sich den Tweet aber nicht erklären lassen #besorgtePferde

— Nathan (@zeitschlag), 22. Juli 2015

Dass es Defizite in der Informationspolitik gab und gibt, das bestitt niemand. Das könne man doch über die Bürgerämter der Stadt verbessern, war ein Vorschlag. Auch, dass es zu Spannungen kommt, wenn viele Menschen über längere Zeit auf engstem Raum ohne Aufgaben zusammenleben, bestritt niemand. Öney setzt sich dafür ein, dass Geflüchtete hier wesentlich schneller arbeiten können, das würde die Situation wohl entschärfen.

Als Öney verkündete, dass es demnächst (später hieß es ab August) einen Pendelbus in die Stadt geben sollte, gab es ebenfalls Gelächter. Jemand in meinem Umfeld rief: "Dann haben wir noch mehr von denen (Geflüchteten, Anm. d. Red) in der Stadt", was die Person gar nicht gut fand. Später sagte jemand auf der Bühne, dass es sich bei den Asylsuchenden zum Großteil um Menschen handelt, die in Ruhe leben wollen. Jemand rief "Pfui!"

Wie RNB und RNZ schreiben, wurde Öney mehrmals unterbrochen, unter anderem, weil sie nicht die aktuellen Zahlen vorlas. Nichts desto trotz ließ sich Öney zu keinem Zeitpunkt aus der Ruhe bringen. Davor habe ich nach wie vor großen Respekt.

Die RNZ schreibt, dass Öney zwischendurch die Fragenden ("Sind Sie bei der AfD?") beleidigte. Die RNZ ist vielleicht doch gar nicht so schlecht, wenn sie die Mitgliedschaft in der AfD als etwas schlechtes ansieht.

Auch verkündeten immer wieder Kirchheimer_innen, dass man doch nicht ausländerfeindlich sei und verwies darauf, dass man sehr lange friedlich mit den Amerikanern jeder Hautfarbe hier gelebt hätte. Die Kircheimer_innen beklatschten sich selbst dafür.

„Wir haben keine Brandanschläge in Kirchheim, Sie sollten die Sorgen der Menschen in Kirchheim ernst nehmen“ #besorgtePferde

— Nathan (@zeitschlag), 22. Juli 2015

„Das ist kein Ausländerhass, das sind Befürchtungen.“ #besorgtePferde

— Nathan (@zeitschlag), 22. Juli 2015

Nach den Eingangsstatements von Öney wurden ein paar Fragen gestellt, wobei hier Menschen weniger Fragen stellten, als Statements raushauten. Wer genau Fragen stellte, weiss ich nicht mehr. Fragen und Statements waren beispielsweise "Ich habe Sorge um meine alte Mutter, die sich nicht mehr auf den Friedhof traut", "Warum kann man die Verteilung nicht gerechter machen?" oder "Warum dauern Asylverfahren in Baden-Württemberg viel länger als die in Mecklenburg-Vorpommern?". Matthias Kutsch, Heidelberger Stadtrat der CDU, stand neben mir, ihn quälten diese Frage wohl auch. So schreibt er auf Facebook:

Warum sind über die Hälfte der Flüchtlinge im Land in Nordbaden untergebracht? Wo bleiben die Unterkünfte in den anderen Landesteilen? Warum dauern die Asylverfahren in Ba-Wü so lange?

Laut Öney gibt es in Nordbaden durch den Abzug der Amerikaner viele freie Kasernen, die andernorts bereits in Gewerbegebiete umgewandelt wurden. Hier würden sie jetzt für Geflüchtete genutzt. Auf die Frage, warum die Asylverfahren so viel Zeit in Anspruch nehmen, erwiederte Öney, dass die Verteilung der Flüchtlinge in Deutschland nach dem Königsteiner Schlüssel erfolge, wonach Baden-Württemberg 13% der Geflüchteten aufnehmen müsse. Da Mecklenburg-Vorpommern lediglich 2% aufnehmen müsse, könnte die Asylverfahren dort wesentlich schneller bearbeitet werden. In Baden-Württemberg baue man gerade einen entsprechenden Beamtenapparat auf. Dass das Zeit braucht, dessen waren sich viele Kirchheimer_innen wohl nicht bewusst. Matthias Kutsch überhörte die Antworten auf die Frage wohl lieber.

Es gab jedoch auch Fragen, die einen verächtlichen Unterton hatten, wie beispielsweise die Frage, was passiere, wenn im Patrick-Henry-Village mal eine Seuche, die aus Afrika eingeschleppt wurde, ausbreche. Die Antwort darauf war relativ einfach:

Antwort: Keine weiteren Flüchtlinge, Quarantäne, Immunisierung #besorgtePferde

— Nathan (@zeitschlag), 22. Juli 2015

Um die hygienischen Verhältnisse im PHV ging es mehrmals an dem Abend. So bot eine Ärztin im Vorfeld dem PHV ihre Hilfe an, wurde aber nie zurückgerufen.

Auch Theresia Bauer, Landtagsabgeordnete der Grünen, gab ein Statement ab. Darin sprach sie sich unter anderem dafür aus, dass es auf dem Patrick-Henry-Village flächendeckendes WLAN geben müsste. Weiterhin forderte sie die sofortige, pauschale Legalisierung von Menschen, die hohe Bleiberechtschancen hätten. Das würden die Asylverfahren beschleunigen. Dadurch könnten Menschen schneller abgeschoben werden. Im Vorfeld hatte es eine Diskussion zwischen Bauer und Öney gegeben, wer denn auf dem Podium sitzen durfte.

Relativ zum Schluss gab es ein heftiges Statement von einem Menschen, das bereits mit "Wir mögen Asylanten" begann. Im weiteren Verlauf wurde gefordert, Geflüchtete nach Australischem Vorbild in Drittländern statt in Deutschland einzupferchen. Dieses Statements wurde von Fuchs nicht zugelassen, weil man keine allgemein-politischen Fragen diskutieren wollte.

Auch der Vorsitzende des Ausländer- und Migrationsrats kam zum Schluss zu Wort. Die RNZ schreibt dazu:

Der Vorsitzende des Ausländer-/Migrationsrats Michael Allimadi: Sein Statement gefiel den Kirchheimern. Er, der aus Uganda mit seiner Familie einst fliehen musste, ist "dankbar für die Rettungsinsel bei Ihnen". Er ist stolz auf Heidelberg, "seine Stadt", die immer gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gekämpft habe. Bei dem großen Zustrom der Flüchtlinge wundert es ihn nicht, dass sich Heidelberg "überfordert und allein gelassen fühlt".

Aktivist_innen verteilten Plakate, auf denen "Refugess Welcome" und "Heideberg sagt ja!" zu lesen war. Ich fand die Geste großartig, nahm mir so ein Plakat und stellte mich dazu.

Hier werden Plakate verteilt <3 #besorgtePferde [https://pic.twitter.com/DknqUkukOa](https://pic.twitter.com/DknqUkukOa]

— Nathan (@zeitschlag), 22. Juli 2015

Es gab ein paar besorgte Bürger_innen, die sich mit den Aktivist_innen auf Diskussionen einließen. Ein besorgter Bürger beispielweise diskutierte hinterher mit Menschen, die "Refugees Welcome"-Plakate hochhielten, dass Menschen, die für "Refugees Welcome" sind, eine Mitschuld am Tod der Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, tragen. Weil wenn die merken, dass wir hier alle aufnehmen, dann kommen nur um so mehr. Und je mehr Menschen über das Mittelmeer kommen, desto mehr Menschen ertrinken. Logisch, ne?

Auch wenn es einige Menschen gibt, die offenkundig ein Problem mit Menschen anderer Herkunft und Flüchtlingen, Vorurteile, Angst und Hass in sich haben, so hatte ich den Eindruck, dass viele Kirchheimer_innen helfen wollen. Sie sind mit der aktuellen Situation unzufrieden und überfordert. Das stimmt mich vorsichtig optimistisch.

Vorhin sah ich ein Youtube-Video zu Rostock-Lichtenhagen. Und auch wenn dieser Vergleich wahrscheinlich übertrieben ist, so erinnerten mich einige Aussagen von Menschen aus dem Video an Aussagen von Menschen in Kirchheim.

Öney erzählte im Laufe des Abends, dass sie sich vom Rhein-Neckar-Blog gut informiert fühlte. Hardy Prothmann war selbst wohl etwas überrascht, wohin gegen der Mannheimer Morgen das wohl anders interpretierte. Damit schmückt Prothmann sich jetzt wiederum.

Prothmann wird jetzt von einigen Leuten vorgeworfen, der neue "Haus- und Hofberichterstatter von Bilkay Öney" zu sein. Vermutlich fiel sein Bericht des Abends diesen Menschen nicht negativ genug aus. Die Rhein-Neckar-Zeitung hatte schon im Vorfeld gegen Öney geschossen, entsprechend negativ fallen jetzt auch die Nachberichte aus, zumindest für die Ministerin (1, 2).

Das RNF brachte einen Beitrag, in dem ein besorgter Bürger spricht. Zum Schluss kommt das wichtige Statement:

Nicht vergessen sollte man die Flüchtlinge selbst. Sie haben keine Diskussionsforen mit Ministerialvertretern, sondern rund 2600 Mitbewohner in einem umzäunten Gelände, pro Tag einen Arzt für eine Stunde und ganze vier Sozialarbeiter.

Das soll sich laut Öney demnächst ändern.